Biedermeier

Bild: Gemälde von Carl Spitzweg, Rast auf dem WeinbergAls Biedermeier bezeichnet man die Zeit zwischen 1815 und 1848. Man spricht bei dieser Epoche auch von der Restauration und vom Vormärz.

Da keine einzige Epoche für sich allein steht, ergeben sich zwangsweise Überschneidungen. Während die Ausläufer der verflossenen Ära noch in das Biedermeier hinein ragen, beginnt zum Ende des Biedermeier bereits  eine neue Ära.

Das Biedermeier begann nach der Klassik (Weimarer Klassik) (1786-1805). Hinterher lag das Biedermeier zwischen der Romantik (1798-1835) und dem Realismus, dem Naturalismus und der Jahrhundertwende (1848-1910). Noch während des Biedermeier begann die Aufbruchsbewegung „Junges Deutschland“ (1830-1850).

Nach den schrecklichen napoleonischen Kriegen, die mit der Schlacht von Waterloo (1815) endlich ihren Abschluß fanden, war die Bevölkerung froh, daß sie endlich zur Ruhe kam. Man liebte die Behaglichkeit. Dabei genoß man seinen Abendschoppen. Die Allgemeinbildung pflegte man in Form von vielen Büchern. Auch die Hausmusik kam nicht zu kurz. Bei vielen Festen erfreute man sich des Lebens. Eine politische Betätigung war nach den Karlsbader Beschlüssen nur sehr schwer möglich. Im Untergrund aber gärte es.

Den Begriff Biedermeier dachten sich der Jurist und Schriftsteller Ludwig Eichrodt (1827- 1882) und der Arzt Adolf Kussmaul  (1822-1902) aus. Jener Begriff war aus zwei Gedichten entstanden, die Josef Victor von Scheffel (1826-1886) in den Münchner „Fliegenden Blättern“ im Jahre 1848 veröffentlichen ließ. Es handelte sich um die Gedichte „Biedermanns Abendgemütlichkeit“ und „Bummelsmaiers Klage“. Die Namen Biedermann und Bummelmaier wurden zu dem Namen Biedermaier verschmolzen. Bis zum Jahre 1869 schrieb man  Biedermaier, erst danach Biedermeier. Das Biedermeier dauerte 33 Jahre lang an.

Die in den Münchner „Fliegenden Blättern“ veröffentlichten Gedichte enthielten teilweise Parodien auf die Poesie des realen Dorfschullehrers Samuel Friedrich Sauter.

Bereits im Jahre 1847 verfaßte der Dichter Ludwig Pfau (1821-1894) ein Gedicht mit dem Titel „Herr Biedermaier“. Mit Hilfe des Gedichtes wird dessen Spießigkeit und Doppelmoral angeprangert.

Der fiktive Herr Biedermaier war laut Eichrodt ein einfacher dichtender Dorfschullehrer. Er war mit seiner kleinen Stube, seinem engen Garten und mit seinem häßlichen Dorf zufrieden. All diese Gegebenheiten verhalfen dem verachteten Dorfschullehrer zu irdischer Glückseligkeit.

In den Münchner „Fliegenden Blättern“ werden die Biederkeit, der Kleingeist und die unpolitische Haltung großer Teile der Bevölkerung dargestellt und verspottet.

Befaßt man sich mit der Epoche des Biedermeier, muß man sich zwangsweise mit den Karlsbader Beschlüssen befassen. Vorausgegangen war die Ermordung des August von Kotzebue (1761-1819) durch den Theologiestudenten Karl Ludwig Sand (1795-1820) am 23.3.1819. Kotzebue hatte über das „Literarische Wochenblatt“ die Burschenschaften verspottet. Er hatte zeitweise in russischen Diensten gestanden. Dadurch war der Eindruck entstanden, er könnte ein Spion des Zaren sein.

Die Ermordung von Kotzebue führte zu den Karlsbader Beschlüssen vom 6.-31.8.1819. Mit Hilfe der Karlsbader Beschlüsse wurden jene Abmachungen in die Tat umgesetzt, die auf dem Wiener Kongreß  vom 1.10.1814-9.6.1815 beschlossen wurden. Sowohl beim Wiener Kongreß als auch bei den Karlsbader Beschlüssen spielte Clemens Wenzel Nepomuk Lothar Fürst von Metternich (1773-1859) eine bedeutende Rolle.

Die Karlsbader Beschlüsse führten teilweise zu den bestehenden Staatsgrenzen zurück, die es vor der napoleonischen Zeit gab. Gleichzeitig brachten sie eine erhebliche Einengung der Grundrechte mit sich. Erst nach der Märzrevolution in Berlin wurden die Karlsbader Beschlüsse mit dem 2. April 1848 abgeschafft. Dadurch wurden die lange vorenthaltenen Grundrechte wieder eingeführt.

Befaßt man sich mit der Epoche des Biedermeier, stößt man auch auf dessen Literatur.
Hier ist eine Abgrenzung schwierig, da es gleichzeitig noch die Restauration und den Vormärz gab. Einige Autoren fallen teilweise in die Zeit des Biedermeier. Nur wenige Autoren lassen sich in das Biedermeier einordnen.

Lyrik des Biedermeier

Diese Lyrik zeichnet sich durch Einfachheit und Volksliedhaftigkeit aus. Wichtige Themen waren: Liebe, Religion, Vergänglichkeit, Entsagung und häusliches Glück.

Balladen des Biedermeier

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war sehr heimatverbunden. Den Beweis erbringen die Balladen „Heidebilder“. Hierzu gehört besonders „Der Knabe im Moor“.
Weitere Balladen sind von Eduard Mörike (1804-1875). Hierzu gehören „Der Feuerreiter“ und „Die Geister am Mummelsee“.

Novellen des Biedermeier

Auch die Novelle hatte für die Zeit des Biedermeier eine Bedeutung. Die bekanntesten Novellen sind „Die Judenbuche“ von Annette Droste von Hülshoff, „Die Schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf (Albert Bitzius) (1797-1854) und der „Arme Spielmann“ (1848) von Franz Grillparzer (1791-1872).

Studie / Skizze des Biedermeier

Die wichtigsten Werke dieser Gattung stammen von Adalbert Stifter (1805-1868). In den Jahren 1844-1850 entstanden die „Studien“. Hierzu gehörten u. a. „Brigitta, zwei Schwestern“, „Der Hochwald „ und das „Alte Siegel“. Das Buch  „Bunte Steine“ entstand im Jahre 1850. Dazu gehörten u. a. „Granit“, „Turmalin“ und „Bergkristall“.

Verserzählung des Biedermeier

Die bekanntesten Verserzählungen stammen von Nikolaus Lenau (N. Franz Niembsch Edler von Strelenow) (1802-1850). Es sind „Die Albigenser“ (1842), und „Don Juan“ (1851)

Karl Leberecht Immermann (1796-1840) schrieb im Jahre 1830 „Tulifüntchen“.

Annette von Droste-Hülshoff schrieb 1823/24 „Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard“. Es folgte in den Jahren 1837/38 „Die Schlacht im Loener Bruch“.

Romane des Biedermeier

Zu den bekanntesten Autoren gehören Immermann, Mörike und Stifter. Immermann schrieb im Jahre 1836 „Die Epigonien. Familienmemoiren in neun Büchern“. Es folgte in den Jahren 188/39 „Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken“. Innerhalb dieses Buches ist „Der Oberhof“ eingeschoben. Mörike schrieb im Jahre 1832 den „Maler Nolten“.Stifter schrieb im Jahre 1857 den „Nachsommer“.

Dramen des Biedermeier

Die drei bedeutendsten Dramatiker des Biedermeier waren Grillparzer, Nestroy und Raimund. Die Werke aller drei Künstler wurden durch eine melancholische pessimistische Einstellung zur Welt geprägt.

Franz Grillparzer schrieb im Jahre 1817 das Trauerspiel „Die Ahnfrau“. Es folgten im Jahre 1838 „Weh dem, der lügt“ und im Jahre 1838 das Geschichtsdrama. „Ein Bruderzwist in Habsburg“.

Johann Nepomuk Nestroy (1801-1862) schrieb viele Volkspossen und Komödien. Seine Komödie „Der Zerrissene“ (1844) gilt als typisch biedermeierlich. Viele seiner Stücke tragen Doppelbezeichnungen. Seine am meisten aufgeführte Komödie hat den Titel „Der böse Geist Lumpazivagabundus“ oder „Das liederliche Kleeblatt“ (1832).

Ferdinand Raimund (1790-1836) setzte die im 18. Jahrhundert entstandene Tradition des Wiener Volkstheaters fort. Seine Stücke sind sowohl inhaltlich als auch formal von Zerrissenheit geprägt. Eines seiner bekanntesten Dramen ist „Der Alpenkönig und der Menschenfeind (1828).

Nach außen hin war die Epoche des Biedermeier eine Zeit voller Gemütlichkeit und der größtmöglichen Harmonie. Diesen Eindruck hat man besonders dann, wenn man die Bilder von Carl Spitzweg (1808-1885) betrachtet (s. Abbildung oben). In Wirklichkeit aber war es eine Ära der großen Umwälzungen. Zum Beispiel gab es im Jahre 1835 die erste Eisenbahnlinie von Nürnberg nach Fürth. Im Jahre 1844 erfolgte der Weberaufstand in Schlesien. Es gab verschiedene Revolutionen. Dazu gehörte auch die Märzrevolution in Deutschland. In der Frankfurter Paulskirche begann man mit der Erarbeitung der ersten deutschen Verfassung.