Bildungsroman

Bildung und Erziehung sind eng miteinander verzahnt und lassen sich schlecht voneinander trennen. Folglich ist in der Literatur sowohl vom Bildungsroman als auch vom Erziehungsroman die Rede.

Zugleich spricht man auch vom Entwicklungsroman. In Deutschland werden Entwicklungsroman und Bildungsroman zumeist identisch behandelt. Auch die Entwicklung lässt sich von der Bildung und Erziehung nicht trennen. Daher sind die Erziehung, die Entwicklung und die Bildung eines Kindes eng miteinander verflochten.

Jörg Wickram (um 1505-1561) verfasste im Jahre 1554 den Erziehungsroman „Knabenspiegel“. Der aus Colmar stammende Wickram war maßgeblich an der Entwicklung des bürgerlichen deutschen Romans beteiligt.

Johann Jakob von Grimmelshausen (1621/22-1676) gab im Jahre 1669 den 6 Bücher umfassenden Entwicklungsroman „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch heraus.
Grimmelshausen gilt als Begründer des deutschen Prosaromans. Sein Buch wird als bedeutendste deutsche Barockdichtung gewertet.

Christoph Martin Wieland (1733-1813) schrieb die „Geschichte des Agathon“. Das Buch erschien 1766/67 zunächst anonym. Spätere Änderungen brachten drei Fassungen mit sich. „Die Geschichte des Agathon“ gilt als Beginn des deutschen Bildungs- und Erziehungsromans.

Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) gab im Jahre 1781 den Erziehungsroman „Lienhard und Gertrud“ heraus und wurde damit weltberühmt.

Den Bildungsroman im engeren Sinne gab es nur in der Weimarer Klassik (1786-1805) und in der Romantik (1798-1835). Dabei wird die Entwicklung des zumeist jungen Helden geschildert. Für die Entwicklung ist eine auf Humanität basierende Bildungsidee maßgebend.

Als Vorbild des Bildungsromans gilt Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) „Wilhelm Meister“. Als Vorläufer kann das bereits oben erwähnte Buch von Wieland gelten.
Das 19. Jahrhundert brachte im Erziehungs- und Bildungsroman Abweichungen von der Weimarer Klassik und der Romantik.

1854 erschien der Entwicklungsroman „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller (1819-1890). Das Werk enthält in seinen vier Bänden starke autobiographische Züge. Keller unterhielt besonders mit Theodor Storm  (1817-1888) einen recht intensiven literarischen Schriftwechsel.

Im Jahre 1857 gab Adalbert Stifter (1805-1868) den Bildungsroman „Nachsommer“ heraus. In einem Anfall sehr starker Schmerzen suchte er im Jahre 1868 den Freitod.

Sehr facettenreich sind die Bücher von Wilhelm Raabe (1831-1910). Zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn trat er noch unter dem Pseudonym Carvinus auf. Er wurde von Charles Dickens (1812-1870), William Makpeace Thackeray (1811-1863) und Jean Paul (Johannes Paul Friedrich Richter) (1763-1825) beeinflusst.

Einige wenige Werke von Raabe befassen sich mit dem Bildungs- und Erziehungsroman. Im Jahre 1863 erschien „Die Leute aus dem Walde“. „Der Hungerpastor“ wurde im Jahre 1864 herausgegeben. 1877 folgte „Alte Nester. Zwei Bücher Lebensgeschichten“.

Herman Hesse (1877-1962) gab im Jahre 1904 den Bildungsroman „Peter Camenzind“ heraus, der deutliche Bezüge zu Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ aufweist.