Geißler-Lieder

Wie der Name schon sagt, wurden die Lieder von den Geißlern gesungen. Seit dem 13 Jahrhundert nannte man diese Lieder Leis oder Leich. Sowohl die Geißler als als auch deren Lieder wurden in der Chronik des Hugo von Spechtshart aus Reutlingen (1285 – 1359) eingehend behandelt. Durch ihn wurden sechs Geißler-Lieder in gotischen Namen überliefert. Davon geht allerdings nur der „Lai Nu tret herzuo“ auf die Geißler zurück. Die anderen Lieder entstammen älterem Liedgut. Sie sind eine wichtige Quelle für das älteste deutsche geistliche Volkslied. Gleichzeitig sind zwei französische, von den Deutschen beeinflusste Geißler-Lieder erhalten. Der Kern der Rufzeile ist für die Geißler-Lieder charakteristisch. Von diesen lebt „Nu ist diu betfort so here“ noch 1666 in einem Prozessionslied der Liedersammlung Catholisch Geistlich Nachtigall.

Die Geißler wurden auch als Flagellanten bezeichnet. Hinter dem italienischen Wort flagellante verbirgt sich der Geißel-Bruder. Man nannte diese Menschen auch Kreuzbrüder.

Es handelte sich um religiöse Schwärmer, die zeitweise in größeren Gruppen aufbrachen. Sie nahmen morgens und abends unter Gebet und Bußliedern Selbstgeißelungen vor. Die Männer vollzogen die Selbstgeißelungen mit entblößtem Oberkörper auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Zur gleichen Zeit nahmen die Frauen ihre Selbstgeißelungen hinter verschlossenen Kirchentüren vor. Diese Selbstgeißelungen wurden als Ausdruck der Buße und Teilnahme am Leiden Christi vollzogen.

Die Geißler gruppierten sich im 13. und 14. Jahrhundert vor allem in Italien und Deutschland.
Die Menschen standen unter bedrückenden politischen und sozialen Missständen. Man erwartete die Endzeit.

Eine erste Geißler-Bewegung ging 1260 von Italien aus. Im Pestjahr 1348 nahmen die Geißler einen ungeahnten Aufschwung. Die Geißler wurden 1349 durch Papst Clemens VI. verboten.
Mit dem Konstanzer Konzil im Jahre 1417 wurde die Tätigkeit der Geißler endgültig beendet.
Sie hielten sich in Deutschland noch bis zum 15.Jahrhundert.

Im Zusammenhang mit den Kreuzzügen und der Pest erfolgte eine schreckliche Judenverfolgung.
Angeblich trugen die Juden an allem die Schuld. Sie trugen die Schuld an der Pest und an der Brunnenvergiftung. Besonders die Geißler machten sich der Judenverfolgung schuldig. Mit
welchen widerlichen Methoden sie dabei vorgingen, ist in der Erzählung „Der Rabbi von Bacharach“ von Heinrich Heine (1797-1856) anschaulich beschrieben.

Nicht alle Menschen waren mit den Geißlern und der Judenverfolgung einverstanden. Barmherzige Menschen gewährten den Juden in Zeiten höchster Bedrängnis einen Unterschlupf.

Sehr bekannt war der Franziskaner Berthold von Regensburg. Er lebte ungefähr von 1210 bis zum 14.12.1272. Als Bruder Berthold war er der größte deutsche Volksprediger des Mittelalters. Er predigte in ganz Mitteleuropa von Frankreich bis Ungarn. Bei seinen Predigten hatte er angeblich 40.000 Zuhörer. Seine in deutsch gehaltenen Predigten wurden in lateinischer Sprache aufgezeichnet. Es gibt davon mehr als 3oo Handschriften. Bruder Berthold predigte gegen die Geißler und die Judenverfolgung.