Johann Wolfgang von Goethe

Porträt Clemens Brentano von Emilie LindnerJohann Wolfgang von Goethe (*28.8.1749 in Frankfurt am Main, †22.3.1832 in Weimar), herausragende Gestalt der deutschen Literaturgeschichte, die zusammen mit Friedrich Schiller die Weimarer Klassik prägte. Goethes Gedichte, Dramen und Romane sind fester Bestandteil des deutschen Kulturgutes.

Johann Wolfgang Goethe wird als erstes Kind von Katharina Elisabeth Textor und Johann Caspar Goethe geboren. Fünf weitere Kinder gehen aus der Ehe hervor, aber bis auf seine 15 Monate jüngere Schwester Cornelia (1750-1777), die ihn eine wichtige Vertraute wird, überlebt keines das Kindesalter. Sein Vater, durch eine beträchtliche Geldsumme zum Kaiserlichen Rat ohne große Dienstgeschäfte avanciert, richtet seine Energie vor allem auf sein Haus und die Erziehung seiner Kinder.

Die Geschwister lernen viele Sprachen und ihre Literaturen kennen: Griechisch, Latein, Hebräisch, Französisch, Englisch, Italienisch. Schon früh macht sich Goethes Interesse an Literatur bemerkbar, wobei er zunächst sein Augenmerk auf Friedrich Gottlieb Klopstock und Homer richtet. Auch für das Theater kann er sich früh begeistern. 1759, während der französischen Besetzung im Siebenjährigen Krieg, besucht er häufig die Vorstellungen einer französischen Schauspielertruppe im Junghof und 1763 er ein Konzert des damals 7-jährigen Mozart.

Studium in Leipzig (1765-1768)

Bild: Johann Wolfgang von GoetheZunächst folgt Goethe dem Wunsch des Vaters nach einer ordentlichen Ausbildung. 1765 beginnt er sein Rechtsstudium an der Universität Leipzig. Die Messestadt, die im Geist des Rokoko eine viel modernere Atmosphäre ausstrahlt, als das konservative Frankfurt, beeindruckt ihn stark. An der Universität hört er außer Jura auch Vorlesungen über Poesie bei den berühmten Aufklärern Johann Christoph Gottsched und Christian Fürchtegott Gellert, die ihn jedoch beide enttäuschen.

Sehr systematisch betreibt er sein Studium in den drei Leipziger Jahren nicht, sondern lernt Radieren und Kupferstechen und nimmt Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser, einem Freund des berühmten klassizistischen Kunsttheoretikers Johann Joachim Winckelmann. In seine Leipziger Zeit fällt auch die erste „große Liebe“ Goethes: ein kurzes Verhältnis mit Anna Katharina Schönkopf, der Tochter der Wirtsleute, bei denen er seinen Mittagstisch hat. Der Stoff für sein erstes vollendetes Drama Die Laune des Verliebten geht auf dieses Erlebnis zurück.

Krankheit und Rückkehr nach Frankfurt 1768 – 1770

1768 zwingt ihn eine schwere Krankheit (über deren Ursache nur Vermutungen angestellt werden können), nach Frankfurt zurückzukehren, wo er sich im Elternhaus nur langsam wieder erholt. In der Zeit seiner Rekonvaleszenz befaßt er sich unter dem Einfluß Susanna Katharina von Klettenbergs, einer Freundin seiner Mutter und Anhängerin der Herrnhuter Brüdergemeinde, mit mystischen und pietistischen Schriften. Ihr hat Goethe ein nicht gerade schmeichelhaftes Denkmal in den Bekenntnissen einer schönen Seele im 6. Buch von Wilhelm Meisters Lehrjahren (1795) gesetzt. Zur selben Zeit wird von dem Arzt Johann Friedrich Metz sein Interesse für die Erforschung der Natur geweckt.

Straßburg und Sesenheim 1770 – 1771

Gegen Ostern 1770 verläßt der kurierte Goethe erneut Frankfurt, um in Straßburg sein abgebrochenes Studium zu beenden. Straßburg bedeutete in vieler Hinsicht einen völligen Neubeginn. Nicht nur, daß er hier ernsthaft studiert (allerdings nicht die wenig geliebte Juristerei, sondern vorwiegend Medizin und Staatswissenschaft), in Straßburg lernt er auch Menschen kennen, die für seine weitere Entwicklung von wegweisender Bedeutung sein werden:

Am folgenreichsten ist wohl die Begegnung mit dem Literaten und Geistlichen Johann Gottfried Herder, welcher Goethe die antirationalistische Gedankenwelt des Philosophen Johann Georg Hamann näher bring, ihn für Shakespeare und Ossian begeistert und seine Aufmerksamkeit auf den ästhetischen Reiz der Volkspoesie lenkt.
Auch kommt es in Straßburg zum Kontakt zu dem Arzt und Schriftsteller Johann Heinrich Jung-Stilling und dem Dramatiker Jakob Michael Reinhold Lenz. In dieser Gesellschaft bilden sich schließlich einige ausschlaggebende Ideen des Sturm und Drang.

Nicht minder wichtig als dieser intellektuelle Austausch ist die Liebe zu Friederike Brion, der Tochter eines Landgeistlichen in Sesenheim, der er einige Gedichte, darunter Willkommen und Abschied, Mailied und Heidenröslein widmet. Doch vermochte ihn die ländliche Idylle auf Dauer nicht zu fesseln; immer stärker wird der Wunsch nach neuen Erfahrungen und verantwortlicher Tätigkeit. Am 4. August 1771 schließt Goethe schließlich sein Studium mit dem Grad eines Lizentiaten der Rechte ab und kehrt nach Frankfurt zurück. Die Beziehung zu Friederike Brion löst er brieflich.

Als Rechtsanwalt in Frankfurt und Wetzlar 1771 – 1775

In seiner Heimatstadt mißglückt eine juristische Praxis, Goethe geht im Mai 1772 als Referendar ans Reichskammergericht nach Wetzlar. Hier befreundet er sich mit dem Gesandtschaftssekretär Johann Christian Kestner und dessen Braut Charlotte Buff. Seine Sympathie für Lotte steigert sich zur maßlosen Leidenschaft, so daß er bereits im September wieder nach Frankfurt zurückkehrt. Hier arbeitet er dann auch die kommenden drei Jahre. Doch beschäftigte er sich weiterhin intensiv mit der Literatur. So schreibt er bereits 1771 die programmatische Rede Zum Shakespeare-Tag und als ersten großen dramatischen Wurf die Urfassung des Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Die Erfahrungen mit Charlotte Buff als einer aussichtslosen Liebe bildet das biographische Substrat für Goethes zweites großes Werk, den Roman Die Leiden des jungen Werthers, der 1774 im Druck erscheint. Mit diesem Roman und dem Drama Götz von Berlichingen, das im selben Jahr bereits in der zweiten, überarbeiteten Fassung erscheint, gelingt dem erst 24-jährigen Goethe der Durchbruch. Nicht minder berühmt werden seine Hymnen aus dieser Zeit, allen voran Prometheus, das als das Sturm-und-Drang-Gedicht schlechthin gilt.

Ein Jahr darauf verlobt sich Goethe mit Lili Schönemann, der sechzehnjährigen Tochter eines Frankfurter Handelsherrn. Obwohl die Verbindung anscheinend sehr glücklich ist, fürchtet Goethe die Enge eines bürgerlichen Lebens in „häuslicher Glückseligkeit“. Nach einer Reise mit dem Grafen Stolberg in die Schweiz trennt er sich von seiner Braut, um einer Einladung des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach zu folgen.

Weimar, erste Phase. 1775 – 1786

Am 7. November 1775 trifft Goethe in Weimar ein, wo er – nur mit Unterbrechung seiner Italienreise – bis zu seinem Tod bleibt. Hier verbindet ihn bald eine innige Freundschaft zu Herzog Carl August. Weimar zählt zu der Zeit ca. 6000 Einwohner, jedoch ist es durch die Herzoginmutter Anna Amalia zum „Musenhof“ geworden. Die Stürmer und Dränger Jakob Michael Reinhold Lenz und Friedrich Maximilian Klinger erscheinen, 1776 auf Veranlassung Goethes sein Straßburger Mentor Johann Gottfried Herder, der das Amt des Generalsuperintendenten übernimmt. Im Juni desselben Jahres tritt Goethe dann formell als Geheimer Legationsrat in den Weimarschen Staatsdienst ein, im September 1779 wird er Geheimer Rat (25 Jahre später Wirklicher Geheimer Rat, Exzellenz und Staatsminister). Die Schwierigkeit, sich trotz allem dem Hofleben anzupassen, bestimmt auch seine Existenz als Dichter. Da er neben den Amtsgeschäften das Liebhabertheater leitet, entsteht eine Anzahl kleinerer Dramen und Singspiele, mit denen er die Hofgesellschaft an ihren Fest- und Geburtstagen unterhält. Gleichzeitig aber schafft er den Egmont (1790), den Tasso (1788) und die Prosafassung der Iphigenie, die er selbst in der Rolle des Orest 1779 aufs Liebhabertheater bringt.

Die Begegnung mit Charlotte von Stein ist für die persönliche Entwicklung Goethes das bedeutendste Ereignis dieses Lebensabschnitts. Unter dem Einfluß der sieben Jahre älteren, hochkultivierten Hofdame streift er viel vom Genie-Gehabe seiner Sturm-und-Drang-Phase ab. Herr von Stein ist meist dienstlich unterwegs und stört nicht. Bei Goethe kommt es zu einen dramatischen Umbau seiner Persönlichkeit: vom uferlosen Ich zur disziplinierten Person. Bis dahin war Wühlen ohne Form seine Lust (und seine Stärke) gewesen; von nun an geht es ihm um Gestalt und Formung.

Bild: Johann Wolfgang von GoetheNeben den Verwaltungsarbeiten und dem oberflächlichen Hofleben macht ihm die Aussichtslosigkeit seiner Beziehung zu Frau von Stein seinen Aufenthalt am Hof zunehmend unerträglich. Zum ersten Mal flüchtet Goethe 1777 aus dem Treiben des Hofes, als er eine einsame Reise in den Harz unternimmt.

Die Gedichte Über allen Gipfeln ist Ruh’ und Harzreise im Winter, die hier entstehen, beweisen, daß Goethe der unterschiedlichsten lyrischen Töne fähig ist: der stimmungsvollen Erlebnisdichtung wie der symbolisch dunklen Oden- und Hymnendichtung. Er verfügt über alle poetischen Stile und Haltungen. Universalität zeigt sich auch in seinem Interesse an den Naturwissenschaften. In der einsamen Gegend des Harzes gibt er sich beispielsweise den Gesteinstudien hin.

Am 3. September 1786 bricht Goethe schließlich heimlich zu seiner großen Italienreise auf.

Italien 1786 – 1788

Als er nach Italien aufbricht, erhofft er sich eine Wiedergeburt aus der Enge von Amt, Gesellschaft und Selbstverpflichtung. In Italien, wo er sich, wie er selbst sagt, zum ersten und einzigen Mal wirklich zu Hause fühlt, beeindruckt ihn vor allem die Antike.

Goethe zeichnet in Italien viel und pflegt intensiven Umgang mit den dort lebenden deutschen Malern, vor allem mit Johann Heinrich Wilhelm Tischbein und mit der zu ihrer Zeit hochberühmten Angelika Kaufmann; muß aber auch einsehen, daß er zum Dichter und keinesfalls zum Maler bestimmt ist. Statt Malergenie wird er Kunstsammler, statt des Künstlers zum Kunsthistoriker. Immer wenn bei Goethe die musische und intellektuelle Begabung versagt, ersetzt er sie durch Fleiß. Naturwissenschaft und Literatur vergißt er dabei allerdings nicht: In Palermo glaubt er, die Ur-Pflanze entdeckt zu haben, und zwischendurch schreibt er die Neufassung seiner Iphigenie in Jamben, vollendet den Egmont und arbeitet am Tasso, in welchem er seinem Erlebnis mit Charlotte von Stein literarischen Ausdruck gibt. Auch beginnt er, von dem damals in Rom lebenden Karl Philipp Moritz beraten, sich im antiken Versmaß des Hexameters zu üben.

Weimar, zweite Phase 1788 – 1794

1794. Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Goethes Werther im Druck erschien, und so viel er inzwischen auch schreibt, kaum etwas wird wirklich populär. Seine naturwissenschaftlichen Forschungen, die trotz origineller Ideen und frappierender Funde letztlich Dilettantismus bleiben, kosten ihn viel Kraft und Zeit. Jetzt aber geschieht etwas, das nur vergleichbar ist mit Goethes Herder-Begegnung in Straßburg: Er lernt Friedrich Schiller kennen. Flüchtig gekannt hatten sie sich schon und mochten sich nicht besonders. Doch nach einem Vortrag in der Jenaer „Naturforschenden Gesellschaft“ über die Metamorphose der Pflanzen, kommen sich die beiden Dichter näher. Schiller ist 35, also zehn Jahre jünger, hat u. a. mit Die Räuber und Kabale und Liebe seinen persönlichen Sturm und Drang nachgeholt, ist dann durch die Lektüre Kants zu einer inneren Wandlung gelangt und ist - viel mehr als Goethe - ein philosophischer Kopf. Aus der Bekanntschaft erwächst bald eine enge Zusammenarbeit, und für Goethe beginnt eine Phase intensiver dichterischer Produktion. 1796 verfassen Goethe und Schiller zusammen ihre Xenien, boshafte Epigramme auf zeitgenössische Kritiker und Dichter-Kollegen. 1797 wird das berühmte Balladen-Jahr, in dem Goethe Die Braut von Korinth, Der Zauberlehrling und Der Gott und die Bajadere schafft. Wichtiger noch: Goethe schließt endlich seinen Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre ab, nimmt die Arbeit am Faust wieder auf, die lange geruht hatte, und schreibt das Vers-Epos Hermann und Dorothea, mit dem er erstmals seit dem Werther wieder Erfolg bei einem breiteren Publikum hat.

Ein Jahrzehnt dauert diese Zusammenarbeit, in der Goethe und Schiller ihre klassische Ästhetik in gegenseitiger Befruchtung entwickeln, eine Ästhetik, die ein Jahrhundert lang in Deutschland die Geister beherrscht. 1805 endet diese fruchtbarste Phase in Goethes Leben mit dem Tod Friedrich Schillers.

Weimar, letzte Phase 1805 – 1832

Bild: Goethes Wohnhaus in WeimarNach Schillers Tod verliert Weimar seine gesellschaftliche Bedeutung, sieht man von Goethe ab. Herder und Anna Amalia sterben, die Romantiker ziehen, vor allem wegen der Vertreibung des „Atheisten“ Johann Gottlieb Fichte, vom nahen Jena weg. Goethe sucht immer häufiger die böhmischen Bäder auf, Karlsbad, Marienbad, Teplitz.
1806 schließt Goethe sein Drama Faust, der Tragödie erster Teil ab, das in seinen ersten Entwürfen bis in die Sturm-und-Drang-Zeit zurückreicht (Urfaust).

Im selben Jahr heiratet er schließlich seine langjährige Lebensgefährtin Christiane. 1809 entsteht der Roman Die Wahlverwandtschaften, 1811 beginnt er die Niederschrift von Dichtung und Wahrheit, seiner Lebensgeschichte.
Dichterisch geben inzwischen Jüngere den Ton an: Ludwig Tieck, Clemens Brentano, Achim von Arnim, Novalis, August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Heinrich von Kleist. Obwohl sich die Romantiker auf Goethe berufen, vor allem auf Wilhelm Meisters Lehrjahre, lehnt Goethe die ganze Richtung ziemlich schroff ab: „Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke“ (Eckermann: Gespräche, 2. April 1829).
1814 unternimmt Goethe eine Reise in die Rhein- und Maingegenden; die neu gewonnene Schaffenskraft findet ihren Niederschlag in der Arbeit am West-östlichen Divan, in welchem er – in Auseinandersetzung mit dem persischen Dichter Hafis – eine Synthese von östlicher und westlicher Weltanschauung schaffen will.

Mit den Schenkelliedern, die geradezu an die anakreontischen Anfänge Goethes erinnern, endet das Werk eines großen Lyrikers, das ganz zuletzt nach dem Tod des lebenslangen Freundes Carls August 1828 in der melancholischen Seligkeit der Dornburger Gedichte ausklingt.

Die letzten Seiten am Faust II schafft ein verlassener Dichter, nachdem in Rom sein Sohn August von Goethe gestorben ist, der vom Vater das Trinken lernte und ihm so treu gedient hatte, wie kein anderer. Die Anekdoten von Goethes Tod am 22.3.1832 versuchen, die unendlich weiten Horizonte seiner Poesie zu fassen: ob er als Letztes nun sagt: „Mehr Licht“ oder, zu seiner Schwiegertochter Ottilie: „Reich mir dein Patschehändchen“ – das Nebeneinander dieser geflügelten Worte zeigt nur, daß dem Dichter im Leben wie im Tod der erhabene wie der scherzhafte Ton leicht von den Lippen ging.

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