Kreuzlied

Als Kreuzlied bezeichnet man eine spezielle Form der provenzalischen und mittelhochdeutschen höfischen Lyrik, die sich mit den Kreuzzügen befasst und auch historische Geschehnisse poetisch wiedergibt. Die Thematik und die Motive der Kreuzlieder sind vielfältig. Oftmals behandeln sie den Konflikt des Ritters zwischen Minnedienst und Kreuzzugspflicht. Während der Ritter auf Gottes Lohn hofft, sorgt er sich gleichzeitig um die Daheimgebliebene höfische Dame.

Der erste Kreuzzug wurde am 27.11.1095 durch Papst Urban II. auf der Synode von Clermont (später Clermont-Ferrand) durch eine feurige Rede ins Leben gerufen. Anlass war die Besetzung und Entweihung der heiligen Stätten in Palästina durch die Sarazenen. Neben diesem religiösen Motiv waren die Kreuzzüge der christlichen Völker des Abendlandes strategisch und wirtschaftlich motiviert. Der erste Kreuzzug begann im Jahre 1096 und endete 1099 mit der Einnahme Jerusalems durch ein Kreuzritterheer am 15. 7. 1099. Schätzungen zufolge beteiligten sich am ersten Kreuzzug etwa 320000 Kreuzzugsritter, wobei nur 40000 von ihnen den ersten Kreuzzug überlebten. Im Zeitraum von 1096 bis 1270 gab es sieben Kreuzzüge der christlichen Völker des Abendlandes gegen die muslimische Vorherrschaft in Jerusalem und im Heiligen Land. Die militärischen Erfolge der „Kreuzritter“ waren von temporärer Natur, denn die gegründeten Kreuzfahrerstaaten sahen sich einer permanenten Bedrohung durch die muslimischen Anrainerstaaten ausgesetzt. Mit Akkon fiel im Jahre 1291 die letzte Kreuzfahrerfestung. Der Begriff des „Kreuzzuges“ wurde seit dem Ende des 1. Kreuzzuges auch für militärische Aktionen verwendet, deren Ziel nicht das Heilige Land war.
In diesem historischen Kontext entwickelten sich die Kreuzlieder. Sie dienten einerseits als Teil der religiös-politisch christlichen Propaganda gegen die Vorherrschaft der Muslime im Heiligen Land und andererseits waren die Kreuzlieder eine Erweiterung des höfischen Minnesangs, die als hochritualisierte Form der Liebeslyrik des westeuropäischen Adels im Mittelalter zu verstehen ist. Zum besseren Verständnis dieses breiten Spektrums werden ausgewählte Beispiele von Heinrich von Rugge, Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, Friedrich von Hausen angeführt.

Im Dienst der religiös-politisch christlichen Propaganda

Der Leich Heinrichs von Rugge zählt hier dazu. Er war ein Minnesänger zur Zeit Friedrichs I. Der Dichter gilt allgemein als Ministeriale des Pfalzgrafen von Tübingen, obwohl die Quellenbelege für seine Standeszugehörigkeit nicht eindeutig sind, da es offenbar mehrere Familien des gleichen Namens gegeben hat, die sich nach der Burg Ruck bei Blaubeuren nannten. Der Kreuzleich hingegen wird Heinrich von Rugge zugesprochen. Einerseits wird der Tod Friedrichs I. (1190) beklagt und andererseits ist er ein religiöser Aufruf zur Kreuzfahrt. Die Kreuzlieder Heinrichs von Rugge sind ein eindeutiges Bekenntnis zum Kreuzzug. Für ihn gibt es die tiefe Problematik von Gottesfahrt und Minnedienst nicht.

(5. Strophe des Leichs in Mittelhochdeutsch und seine neuhochdeutsche Übersetzung)

Daz wir geniezen müezen sîn,
des er gedienet hât
unde ander manege bilgerlîn,
der dinc vil schône stât.
der sêle, diu ist vor got schîn,
der niemer sî verlât.
der selbe sedel ist uns allen veile.
swer in nu koufet an der zît,
daz ist ein saelekeit,
sît got süeze marke gît.
jâ vinden wir gereit
lediclîchen âne strît
grôz liep allez leit.
nu werbent nâch dem wunneclîcheme heile!

Damit wir teilhaben können an dem,
was er durch seinen Dienst erlangt hat,
er und viele andere Pilger,
die jetzt so bewährt dastehen.
Deren Seele ist jetzt strahlend vor Gott,
der sie niemals verlässt.
Derselbe Platz ist für uns alle erhältlich.
Wenn einer ihn nun rechtzeitig kauft,
dann ist das eine selige Fügung,
da Gott so heilige Gebiete verteilt:
Wahrlich, da finden wir
frei und unangefochten
große Freude ohne alles Leid.
Nun auf denn, sucht das wundersame Heil zu erlangen!

Über das Leben Walthers von der Vogelweide, den wohl bekanntesten deutschen Lyriker des Mittelalters, ist wenig bekannt. Geboren um 1170, starb er um 1230. Historisch ist er nur in einer einzigen urkundlichen Erwähnung fassbar. Gemäß einer Reiseabrechnung hat der Passauer Bischof Wolfger von Erla am 12. November 1203 fünf Schillinge für einen Pelzrock zugunsten Walthers ausgegeben.

Seine literarische Laufbahn begann am Wiener Hof, den er 1198 verließ. Von diesem Zeitpunkt an hat Walther ein Wanderleben geführt und ist im Dienst wechselnder Gönner an verschiedenen großen und kleineren Höfen tätig gewesen. Walthers Ruhm basiert nicht nur auf seine Minnelyrik, sondern zu einem guten Teil auch auf seinen politischen Liedern.

Das „Palästinalied“ mit seinen 13 Strophen ist das bekannteste Kreuzlied Walthers, der selber nie im Heiligen Land war. Es ist vermutlich um 1217 entstanden und fällt in die Zeit des fünften Kreuzzuges, zu dem Kaiser Friedrich II. aufbrach. Es ist ein politisch-religiöses Propagandalied und das einzige Lied Walthers, welches vollständig mit einer Melodie überliefert wurde. Walther untermauert dabei den Anspruch des Christentums auf das Heilige Land.

(11. Strophe des Palästinaliedes in Mittelhochdeutsch und seine neuhochdeutsche Übersetzung)

Kristen, juden und die heiden
jehent, daz díz ir erbe sî.
gót, müeze éz ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
al diu werlt, diu strîtet her:
wir sîn an der rehten ger.
reht ist, daz er uns gewer!

Christen, Juden und die Heiden
behaupten, dass dies ihr Erbe sei.
Gott müsse es zu Recht entscheiden
um seiner drei Wesenheiten willen.
Die ganze Welt, die streitet hierüber:
Wir sind an der rechten Seite.
Recht ist, dass er es uns gewähre!

Das reflektierende und modifizierende Kreuzlied im Kontext des Minnesangs

Über die historische Person Hartmann von Aue gibt es keine urkundlichen Bezeugungen, so dass die Rekonstruktion seiner Lebensumstände auf eigene Äußerungen in seinen Werken und Nennungen durch andere Autoren angewiesen ist. Er gilt neben Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg als der bedeutendste Epiker der so genannten „mittelhochdeutschen Klassik“ um 1200. Ob Hartman von Aue selber an einem Kreuzzug teilgenommen hat, ist bis heute in der Forschung umstritten. In Betracht kommen der dritte Kreuzzug von 1189 oder der sogenannte deutsche Kreuzzug von 1197, den Heinrich VI. vorbereitete. In seinen Kreuzliedern ist Hartmanns Abkehr von der irdischen Welt deutlich zu spüren. Durch die Teilnahme am Kreuzzug lässt sich die irdische Liebe in die Gottesminne transformieren und die irdische Glückserfahrung in die unauflösliche himmlische Seligkeit.

(2. Strophe aus „Ich var mit iuweren hulden, herren und mâge:“ in Mittelhochdeutsch und seine neuhochdeutsche Übersetzung)

Sich rüemet maniger, waz er dur die minne tæte.
wâ sint diu werc? die rede hœre ich wol.
doch sæhe ich gern, daz sî ir eteslîchen bæte,
daz er ir diente, als ich ir dienen sol.
Ez ist geminnet, der sich durch die minne ellenden muoz.
nu séht, wie sî mich ûz mîner zungen ziuhet über mer.
und lebte mîn her Salatîn und al sîn her
dien bræhten mich von Vranken niemer einen vuoz.

Mancher rühmt sich, was er alles für die Minne tun würde.
Aber wo sind die Taten? Der rede höre ich wohl.
Doch sähe ich mit Freuden, dass sie den einen oder anderen bäte,
ihr so zu dienen, wie ich ihr dienen muss.
Das nenne ich Minne, wenn einer sich der Minne zuliebe in die Fremde begibt.
Nun seht, wie sie mich aus meinem Heimatland übers Meer treibt.
Und lebte mein Herr noch, Saladin und sein ganzes Heer
brächten mich keinen Fußbreit aus dem Land der Franken.


Friedrich von Hausen war ein am Oberrhein beheimateter Ministeriale Kaiser Friedrich Barbarossas. Er ist als historische Person ab 1171 greifbar, gehörte zum kaiserlichen Gefolge und im Jahr 1189 begleitete er Kaiser Friedrich Barbarossas auf seinem Kreuzzug. Am 6. Mai 1190 kommt er in der Schlacht bei Philomelium ums Leben, allgemein betrauert vom gesamten Heer - ein Zeichen für seine Popularität. Friedrich von Hausen ist der erste mittelhochdeutsche Minnesänger, bei dem das gesamte System minnesängerischer Selbstdarstellung in den wesentlichen Zügen ausgebildet vorliegt. Das dichterische Subjekt reflektiert immer wieder die eigene Situation, aber diese Reflexion führt noch nicht wie bei Späteren Minnesängern in wirkliche Aporien. Der tief empfundene Widerspruch zwischen den Ansprüchen der Herrin und denen des Kreuzzugs ist immer noch auflösbar. Der ritterliche Dienst für Gott steht ihm dann letztlich doch höher als der Anspruch der Frau.

(3. Strophe aus „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden“ in Mittelhochdeutsch und seine neuhochdeutsche Übersetzung)

Ich wânde ledic sîn von solher swære,
dô ich daz kriuze in gotes êre nam.
ez wære ouch reht deiz herze als ê dâ wære,
wan daz sîn stætekeit im sîn verban.
ich solte sîn ze rehte ein lebendic man,
ob ez den tumben willen sîn verbære.
nu sihe ich wol daz im ist gar unmære
wie ez mir an dem ende süle ergân.

Ich glaubte, frei zu sein von solchem Kummer,
als ich das Kreuz im Dienste Gottes nahm.
Es wäre auch richtig gewesen, hätte das Herz sich entsprechend verhalten.
Nur dass meine Beständigkeit mir das nicht gönnte.
Ich könnte wirklich ein heilsgewisser Mann sein,
wenn es auf seinen törichten Willen verzichtete.
Nun sehe ich jedoch genau, dass es sich überhaupt nicht darum kümmert,
wie es mir an meinem Ende ergehen wird.

Literaturhinweise: