Liederhandschriften

Als Liederhandschrift bezeichnet man eine Sammelhandschrift aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, die ganz oder teilweise Abschriften von Liedern enthält. Im folgenden Artikel werden die bekanntesten Liederhandschriften nicht im chronologischen Sinne sondern im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Wissenschaften beleuchtet.

Den größten Bekanntheitsgrad haben sicher die Heidelberger Liederhandschriften. Die Germanistik unterscheidet zwischen der Großen Heidelberger Liederhandschrift, die auch den Beinamen Codex Manesse trägt und der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift. Beide Handschriften befinden sich heute im Besitz der Universitätsbibliothek zu Heidelberg. Die Große Heidelberger Liederhandschrift entstand um 1300 in Zürich, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Sammeltätigkeit der Zürcher Patrizierfamilie Manesse. Auf 426 Pergamentblättern sind 140 Autoren mit idealisierten Miniaturen verzeichnet und das Liedkorpora orientiert sich am Stand der vermeintlichen Dichter. An der Spitze thronen, als vornehmste Sänger, die staufischen Herrscher Kaiser Heinrich VI. und König Konrad IV., es folgen Fürsten, herren (unter anderen Walther von der Vogelweide) und schließlich meister. Die Große Heidelberger Liederhandschrift überliefert die mittelhochdeutsche Lyrik in ihrer gesamten Gattungs- und Formenvielfalt (Lieder, Leichs, Sangsprüche) von den Anfängen weltlicher Liedkunst (Der Kürenberger um 1150/60) bis zur Zeit der Entstehung der Handschrift (Hadloub um 1300).
Die Kleine Heidelberger Liederhandschrift ist vermutlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts im Elsass entstanden. Sie enthält auf 45 Pergamentblättern mittelhochdeutsche Lyrik vom Ende des 12. bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts. (Dichter zwischen 1180 – Heinrich v. Rugge und 1240 – Neidhart u. Bruder Werner).

Die Weingartner Liederhandschrift ist eine Sammlung von Minnelyrik aus dem frühen 14. Jahrhundert, die vermutlich zwischen 1310 und 1320 in Konstanz angefertigt wurde. Der illustrierte Text nennt als Autoren 26 mittelhochdeutsche Versdichter vom Ende des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Enthalten ist zudem die Minnelehre des Johann von Konstanz. Ihr Aufbewahrungsort ist heute die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart.

Darüber hinaus gibt es weitere Liederhandschriften, die einen literarischen Zugang für die Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit ermöglichen. Zu nennen wären hier das Naglersche Fragment aus der Zeit um 1300, ein aus zwei Pergamentblättern bestehendes Bruchstück. Es ist textlich und künstlerisch dem Codex Manesse sehr verwandt. Die Carmian Burana (Lieder aus Benediktbeuern) ist eine Sammlung von im 11. und 12. Jahrhundert entstandenen Lied- und Dramentexten. Sie ist um 1230 entstanden, die Texte sind hauptsächlich in Mittellateinischer Sprache überliefert. Die sogenannte „Mondsee-Wiener Liederhandschrift“ enthält in ihrem ursprünglichen Bestand 31 geistliche und 57 weltliche Lieder. Von den 100 Dichtungen werden nicht weniger als 47 ausdrücklich Hermann von Salzburg (des Münchcz u.ä.) zugeschrieben. Das Budapester Fragment wurde 1984 in Budapest als ein Doppelblatt und ein Einzelblatt aus einer bislang unbekannten deutschen mittelalterlichen Liederhandschrift im Antiquariatshandel angeboten und von der Szchnyi-Nationalbibliothek gekauft. Es überliefert Werke der ältesten Minnesängergeneration aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Vor ihrer Auffindung haben die Blätter als Einschlag eines bislang unbekannten Buches (oder einer Handschrift) gedient. Im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts entstand die Jenaer Liederhandschrift. In dieser Sammlung sind mittelhochdeutsche Sangsprüche des 13. und frühen 14. Jahrhunderts festgehalten worden. Die Colmarer Liederhandschrift ist die älteste Sammlung von Meisterliedern (Meistersang), um 1480 geschrieben; und befindet sich jetzt im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek zu München.
Seit dem späten 15. Jahrhundert wurden Lieder in Liedsammlungen, wie dem "Augsburger Liederbuch", "Lochamer Liederbuch" (um 1460), dem "Glogauer Liederbuch" oder dem "Rostocker Liederbuch" aufgeschrieben. Das erste gedruckte Liederbuch war das 1512 in Augsburg von Erhard Oeglin (Ocellus) herausgegebene "Liederbuch zu vier Stimmen" mit Werken von Heinrich Isaac, Ludwig Senfl, Paul Hofhaimer und anderen.