Sachsenspiegel

Betrachtet man die deutsche Rechtsentwicklung in ihrer Gesamtheit, stellt man bis ins 13. Jahrhundert (Hochmittelalter) eine starke Zersplitterung fest. Neben dem Landes- und Ortsrecht gab es als besondere Quellengruppe den Gottesfrieden, der Waffenruhe Gottes und den Landfrieden. Hinzu kamen noch die Weistümer, auch Rodel geannat. Erst im 13. Jahrhundert wurde das erste zusammenhängende Gesetzbuch in Form des Sachsenspiegels geschaffen. Deshalb kann der Sachsenspiegel nur im Zusammenhang mit anderen wichtigen Zeitdokumenten gesehen werden. Er hatte gegenüber der unübersichtlichen Rechtszersplitterung eine große Bedeutung.

1085 Heinrich IV. verkündet den Mainzer Gottesfrieden.
1103 Heinrich IV. schafft den ersten Mainzer Reichlandfrieden.
1220-1235 Eike von Repgow verfasst den Sachsenspiegel.
1235 Kaiser Friedrich II. Erlässt den Mainzer Landfrieden,
auch als Reichlandfrieden bezeichnet.
1275 Der Schwabenspiegel wird durch einen unbekannten Augsburger Franziskaner geschaffen. Er lehnt sich an den Schwabenspiegel und den Deutschenspiegel an. Der Deutschenspiegel wird durch einen Augsburger Minoriten geschaffen. Als Grundlage diente in erster Linie der Sachsenspiegel.
1495 Im Reichstag zu Worms wird der ewige Landfrieden verkündet.

Der Gottefrieden muss in Verbindung mit der Waffenruhe Gottes gesehen werden. Es handelt sich dabei um die Zusammenarbeit von weltlicher und kirchlicher Macht zur Erreichung bestimmter Ziele. Damit sollten die Übergriffe auf Personen (unbewaffnete Geistliche, Bauern, Händler), Gebäude (Kirchen, Klöster, öffentliche Plätze und Straßen) und Objekte (Vieh) unterbunden werden.

Die später dazu gekommene Waffenruhe Gottes verbot die Kriegsführung an bestimmten Tagen. Hierzu gehörten z.B. Fastenzeiten, hohe Feiertage, bestimmte Wochentage.

Wiege des Gottesfriedens war im 10. Jahrhundert die Avergne in Frankreich. Die bestehende Ordnung konnte im 10. und 11. Jahrhundert nicht mehr aufrecht erhalten werden. Deshalb strebte die weltliche Macht eine Zusammenarbeit mit der Kirche an. Der Gottefrieden wurde durch den Landfrieden abgelöst. Man verstand darunter den vertragsgemäßen Verzicht der Machtträger bestimmter Landschaften auf die Anwendung legitimer Gewalt zur Durchsetzung eigener Rechtsansprüche. Hierzu gehörte vor allen Dingen die Fehrdeführung.

Durch den Landfrieden konnten Gegenstände oder Gebäude, z.B. Kirchen, Wohnhäuser, Mühlen, Ackergeräte, Brücken und insbesondere Reichsstraßen und Personen (Geistliche, Pilger, Kaufleute, Frauen, Bauern, Jäger und Fischer in Ausübung ihres Berufes) unter Schutz gestellt werden. Die Landfrieden schufen eine Art Standrecht und Sondergerichte, die Landfriedensgerichte.

Mit dem Jahre 1495 fanden die Landfrieden durch den ewigen Landfrieden ihren Abschluß.

Während des Mittelalters hatten die einzelnen Städte ein unterschiedliches Stadtrecht. Hierzu gehörten die wahleigenen Behörden, Stadtgericht, Steuervollmacht, Münzhoheit, Markt, Stapel- und Umschlagrecht.

Es gab jedoch auch Städte, deren Stadtrecht für viele andere Städte zum Vorbild wurde. So wurde das magdeburger Stadtrecht zum Vorbild für viele Städte im Osten. Das Lübecker Stadtrecht (lübisches Recht) dagegen wurde zum Vorbild für viele Städte an der Ostsee.

Als ältestes Stadtrechtsbuch entstand Anfang des 13. Jahrhunderts in Thüringen das Mühlhauser Reichsrechtsbuch.

Zu den weiteren Rechtsquellen gehören die ländlichen Weistümer des Spätmittelalters und der späten Neuzeit. Man verstand darunter das mündlich überlieferte Recht. In den deutschsprachigen Gebieten gab es unterschiedliche Bezeichnungen zu den Weistümern. Die Weistümer waren vor allem im Südwesten Deutschlands bekannt.

In Nordwestdeutschland dagegen sprach man von Holtinge. Dabei war in anderen Regionen wieder von Dingrodel die Rede. Taidinge hießen sie in Österreich. Offnungen nannte man sie in der Schweiz.

Die Weistümer wurden seit dem 11. Jahrhundert aufgezeichnet. Es sind ca. 3 000 Weistümer bekannt. Jakob Grimm (1785- 1863) befasste sich seit 1840 eingehend mit den Weistümern. Ab 1840 verfasste er sechs Bände über sie.

Nachdem einige geschichtliche Einzelheiten zur Erwähnung gekommen sind, ist es zum besseren Verständnis nötig, sich eingehenst mit Eike von Repgow und dem Sachsenspiegel zu befassen.

Der Sachsenspiegel wurde durch den Niedersachen Eike von Repgow (heute Reppichau bei Dessau) in Prosa aufgezeichnet. Er erhielt den Auftrag durch den Grafen Hoyer von Falkenstein (1211-1250).

Vorbild zum Sachsenspiegel wurde das Lehnrechtsbuch „Auctor vetus de beneficiis“. Der Sachsenspiegel wurd zuerst in lateinischer Sprache abgefasst. Die lateinische Urfassung liegt nicht vor. Später wurde der Sachsenspiegel auf Wunsch des Grafen Hoyer von Falkenstein ins Deutsche übertragen. Es ist historisch nicht erwiesen, ob Eike vo Rebgow den Sachsenspiegel auf der Burg Falkenstein im östlichen Harzvorland geschrieben hat.

In den Sachsenspiegel sind nicht nur deutsches Recht, sondern teilweise auch römisches und kanonisches Recht eingeflossen.

Über Eike von Rebgow gibt es nur sechs Urkunden. Danach dürfte er von etwa 1180 bis 1235 gelebt haben. Bei Eike handelt es sich um die Koseform von Eckehard/Eckhard aus dem Niederdeutschen. Die Namen Eckehard/Eckhard kamen aus dem Althochdeutschen. Sie beinhalten den Begriff des Schwertstarken.

Eike von Rebgow war Rechtsberater der sächsischen, thüringischen und brandenburgischen Fürsten. Bei den Streitigkeiten zwischen den Staufen und Welfen, zwischen Kaiser und Papst und im Zusammenhang mit der Kolonisation östlich der Elbe wollte er durch seine Rechtsberatung zum Reichsfrieden beitragen.

Der Sachsenspiegel hatte zunächst noch keine Gesetzeskraft. Später wirkte er zusammen mit dem Magdeburger Stadtrecht bis weit nach Osteuropa. So galt er auch im Umkreis von Krakau, Lemberg, Kiew, Minsk, Wilna, Riga, Reval und Thorn.

Der Sachsenspiegel galt in Preußen bis zum Allgemeinen Landrecht von 1794. In Sachsen dagegen hatte es bis zu Jahre 1863, bis zur Eiführung des Sächsischen BGB, seine Gültigkeit. Anders war es in Holstein, Anhalt und Thüringen. Dort wurde der Sachsenspiegel erst durch das BGB im Jahre 1900 abgelöst.

Interessant sind noch die Bilderhandschriften zum Sachsenspiegel. Die schönsten Bilderhandschriften gibt es in Heidelberg, Oldenburg, Dresden und Wolfenbüttel. Sie entstanden zwischen 1295 und 1371.